Pharmig Academy Healthcare Symposium (11.11.2014)

Datum: 11.11.2014, 14:00 bis 18:00 Uhr

 

Pharmig Academy Healthcare Symposium - Wie sieht die Arzneimittelversorgung 2020 aus?

Pharmig Academy Healthcare Symposium 2014: Engpässe und Fälschungen standen zur Diskussion

Nachdem der Vormittag des Pharmig Healthcare Symposiums ganz im Zeichen der Gesundheitsreform stand, wurden am Nachmittag die ArzneimittelexpertInnen aufs Podium gebeten. In den beiden Panels wurden zwei gegenwärtig wesentliche Herausforderungen auf dem Arzneimittelmarkt - Engpässe und Fälschungen - diskutiert.


Eröffnet wurde die Diskussion von Werner Hoffmann, Vorstand des Instituts für strategisches Management an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Kernthema seines Vortrags: Der Arzneimittelmarkt im Jahr 2020. Vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen, der technologischen Entwicklung der Medizin, einer Zunahme des Gesundheitsbewusstseins sowie transformierten sozioökonomischen Gegebenheiten, skizzierte Hoffmann neue Vertriebswege und ein Lockerung des Versandhandels als mögliche Zukunftsperspektiven. Er sprach von Veränderungen hin zur großräumigen Zentralisierung der Bevorratung, der stetig aufkommenden Forderung nach mehr Convenience auf Seiten der VerbraucherInnen und Apotheken auf dem Scheideweg zwischen Logistikdienstleistern und Gesundheitsdienstleistern, ehe er eine wesentliche Frage an die DiskussionsteilnehmerInnen richtete: Kann der Parallelhandel von Arzneimitteln zur Herstellung des Marktgleichgewichtes beitragen?

 

Parallelhandel und Internationalisierung der Branche

 

Pharmig Generalsekretär Jan Oliver Huber stellte hierzu fest, dass der Parallelhandel bei einem vergleichsweise geringen Risiko große Margen einfährt. Nichts desto trotz, sei „Österreich grosso modo auf einem guten Weg“, so Huber. Alexander Hagenauer, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, sprach hinsichtlich des Parallelimports von der kognitiven Dissonanz zwischen dem Wunsch nach dem freien Markt und aktuell strengen Regulativen. Er wies dezidiert auf die Aufgabe des Hauptverbandes hin, Medikamente einzukaufen und die PatientInnen zu versorgen, was in eben diesem Spannungsfeld durchaus eine Herausforderung darstellt.


Ebenso ein Kernthema war die Internationalisierung der Pharmabranche. Die hierbei vorhandenen Risiken brachte Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES Medizinmarktaufsicht, auf den Punkt: „Derzeit sieht es so aus, dass Firmen sich auf internationaler Ebene zusammenschließen. Wenn ein einziges Unternehmen auf der ganzen Welt ein Arzneimittel produziert, sinkt dadurch nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit von Engpässen. Bezüglich der Herstellung von Wirkstoffen sind wir in hohem Maße von China und Indien abhängig. Probleme in diesen Ländern können dann auch unsere Versorgung gefährden. Ein wesentliches Ziel ist es also, die Produktion zurück nach Europa zu holen.“ „Die Politik muss wieder Rahmenbedingungen für eine Produktion in Europa schaffen. Wir müssen ein Teil der weltweiten Wissensgesellschaft bleiben“, stimmte Jan Oliver Huber mit ein.


Dass Regulative auf dem Arzneimittelmarkt generell kein Problem sondern viel mehr etwas Wünschenswertes sind, räumte Heinz Krammer, Generalsekretär des Verbandes österreichischer Arzneimittel-Vollgroßhändler ein. „Regulative braucht es auch zum Schutz der VerbraucherInnen vor einem zu hohen oder unreflektierten Arzneimittelkonsum.“


Wolfgang Gerold, Präsidiumsmitglied der österreichischen Apothekerkammer, wies zudem auf den Unterschied zwischen Liefer- und Versorgungsengpässen hin: „Wir sind bei Lieferengpässen in der Realität angelangt. Österreich war lang eine Insel der Seligen. Heute sehen sie auch in Krankenanstalten Lieferengpässe, die jedoch nicht mit Versorgungsengpässen verwechselt werden dürfen, da wir so gut wie in allen Fällen Ersatzpräparate finden.“

 

Fälschungen: Die neue EU-Richlinie und Aufklärung als Maßnahme


Nach einer kurzen Pause standen dann Arzneimittelfälschungen im Fokus des Interesses. Hierzu berichtete Martin Friedrich, EFPIA-Projektkoordinator, von der Umsetzung der europäischen Fälschungsrichtlinie bis 2018. Wesentlich sei hierbei die Verifikation von Medikamenten bei deren Abgabe durch ein Sicherheitsmerkmal auf jeder Packung. „Die Marktpartner sind gemeinschaftlich dafür verantwortlich, dass diese Umsetzung funktioniert“, so Friedrich. Zudem werde mit dem „European Hub“ eine Kommunikationsschnittstelle zwischen nationalen Sicherheitssystemen und der EU geschaffen. Dies werde durch die Gründung eines Verbandes der Marktpartner (EMVO) im kommenden Jahr garantiert. Auch Friedrich lud das Board of Experts mit einer Abschlussfrage zur Diskussion: „Was muss in Österreich geschehen, um zu verhindern, dass gefälschte Arzneimittel an die PatientInnen gelangen?“


Während die ExpertInnen sich darüber einig waren, dass in Österreich Fälschungen in nahezu allen bisher aufgetretenen Fällen ein Problem der illegalen Vertriebskette waren, warfen sich auch einige Fragen zu den geplanten Richtlinien auf: Braucht es eine Harmonisierung der Rezeptpflicht? Hätte man den Herceptinskandal durch die geplanten Sicherheitsmerkmale verhindern können?


Jan Oliver Huber wies in der weiteren Debatte darauf hin, dass es auch eine gewisse Awareness im Umgang mit Arzneimitteln in der Bevölkerung brauche. „Die Aufklärung über den Umgang mit Medikamenten ist die Aufgabe der öffentlichen Hand“, so Huber. Wirthumer-Hoche dazu: „Wir prüfen, überwachen und kontrollieren, aber: Nicht alles kann man kontrollieren, vor allem nicht Betriebe, die Teile einer europäischen Vertriebskette sind und außerhalb unserer Landesgrenzen liegen. Daher ist es auch ein wesentlicher Teil unserer Strategie massiv vor der illegalen Vertriebskette zu warnen und Firmen in der Vertriebskette dazu aufzufordern, nachzuvollziehen, woher die Arzneimittel kommen. Dies ist im Interesse aller VerbraucherInnen, um deren eigene Gesundheit es hier schließlich im Wesentlichen geht.“ In diesem Zusammenhang nahm die Expertenschaft dezidiert auch den Arzneimitteleinkauf in die Pflicht. Denn gerade im Umgang mit Arzneimitteln müsse man unter Umständen zweimal darauf achten, was man am Ende bezieht. 

Created: 10.10.2014

© Austrian Federal Office for Safety in Health Care
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