Raubverlage und ihre Auswirkungen Neu

Wer wünscht sich das nicht: eine neue Arznei gegen das Leiden, das einen schon jahrelang quält, vielleicht sogar lebensbedrohlich ist. Das neue Mittel beseitigt Schmerzen, verjüngt die Zellen und beugt Krebs vor und das ohne jegliche Nebenwirkung. Leider klingt das zu gut um wahr zu sein – außer es wäre wissenschaftlich bestätigt, durch Publikationen oder Fachvorträge. Aber kann man sich darauf noch verlassen?

Eine wissenschaftliche Publikation ist das Mittel, mit welchem neue Erkenntnisse allgemein bekannt gemacht werden. Dies kann z.B. in Form eines Vortrags oder einer Präsentation im Rahmen eines Fachkongresses erfolgen; das gängigste Mittel der wissenschaftlichen Publikation ist jedoch der Fachartikel. Eine wissenschaftliche Publikation gilt einerseits als Beleg für die Richtigkeit der darin veröffentlichten Ergebnisse und andererseits als Garant für die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit, welche zu den Ergebnissen geführt hat. Dies wird durch einen speziellen Mechanismus gewährleistet, den sogenannten „Peer Review“.

Sicherheitsriegel "Peer Review"

Hierbei werden Artikel vor der Veröffentlichung anderen Wissenschaftlern aus demselben Fachgebiet zur Beurteilung vorgelegt. Anschließend gibt es drei Optionen: Erstens, die vorgelegte Arbeit entspricht den wissenschaftlichen Standads und der Artikel wird zur Publikation angenommen. Zweitens, der Artikel weist wissenschaftliche Mängel auf, welche jedoch z.B. durch weitere Versuche behoben werden können; nachdem die zusätzlichen Experimente und die entsprechenden Änderungen am Artikel durchgeführt wurden, wird der Artikel zur Publikation angenommen.  Oder drittens, die wissenschaftliche Qualität der vorgelegten Arbeit ist unzureichend und/oder die Plausibilität der präsentierten Resultate ist derart zweifelhaft, dass einer Publikation nicht zugestimmt werden kann und der Artikel folglich abgelehnt wird. Die Idee hinter diesem Prozess ist eine Art Selbstregulation – die wissenschaftliche Gemeinschaft sorgt dafür, dass ein hoher Standard aufrechterhalten wird, indem Ergebnisse quasi von der eigenen Konkurrenz begutachtet werden. Mangelhafte Arbeiten oder fehlerhafte Ergebnisse sollen so aussortiert werden, bevor sie verbreitet werden können. Schließlich stellt die Summe aller Publikationen eines gewissen Fachbereichs auch die Summe des Wissens aus diesem Fachbereich dar – und so hat jeder, der in der Wissenschaft tätig ist, ein großes Eigeninteresse, dass dieser Wissenspool „sauber“ bleibt.

Natürlich arbeiten auch Fachverlage nicht gratis. Deshalb sind die Artikel für jene, die sie lesen wollen, meist kostenpflichtig. Wie bei jeder anderen Zeitschrift gibt es Abonnements oder man kann einzelne Artikel erwerben. Die meisten wissenschaftlichen Fachzeitschriften liegen heute neben einer gedruckten Version auch digital zum „downloaden“ vor. Leider ist aber vor allem in Forscherkreisen Geld oft ein knappes Gut: daher kann es sein, dass nicht alle Forscher alle Artikel lesen können, weil z.B. das betreffende Institut nicht alle Zeitschriften abonnieren kann. Es galt also, die Kosten für die potenziellen Leser zu senken. So entstanden mit der Zeit rein digitale Fachjournale, welche die Lesegebühr verringerten, indem sie auch von den Autoren einen einmaligen Betrag für die Veröffentlichung von deren Artikel einforderten. Dies brachte den Vorteil mit sich, dass die betreffenden Artikel für ein breiteres (wissenschaftliches) Publikum zugänglich wurden; und durch den unveränderten Prozess des „Peer Review“ war die Qualität der Publikationen weiterhin gewährleistet („Open Access“).

Negativtendenzen

Vor einigen Jahren setzte jedoch – vorerst von der wissenschaftlichen Gemeinschaft unbemerkt - eine negative Entwicklung ein: es entstanden sogenannte „Raubverlage“ („predatory publishers“), welche zwar ihre Journale und Artikel den Lesern gratis zur Verfügung stellten, die von den Autoren jedoch immer höhere Gebühren einhoben. Gleichzeitig wurde der Prozess des „Peer Review“ von diesen Raubverlagen immer weiter reduziert, bis er von einigen gar nicht mehr durchgeführt wurde. Eingereichte Artikel wurden teilweise ohne weitere Prüfung veröffentlicht, solange nur die entsprechende Gebühr bezahlt wurde. Diesen Umstand wiederum machten sich Personen zunutze, die mithilfe einer „wissenschaftlichen Publikation“ ihren illegalen Machenschaften einen seriösen Anstrich verleihen wollten. Beispielsweise gab es plötzlich zu jedem „Wundermittel“ die passenden Publikationen, was sich natürlich positiv auf die Verkaufszahlen auswirkte. Der „wissenschaftliche Nachweis“ von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Produktes gibt diesem einen positiven, seriösen Anschein und dem potenziellen Käufer ein sicheres Gefühl.

Ein weiteres Phänomen sind die sogenannten „Raubkonferenzen“: wissenschaftliche Konferenzen in deren Vorfeld nicht mehr – wie normalerweise üblich – überprüft wird, ob es sich bei den Vortragenden um seriöse Wissenschaftler mit glaubhaften Vortragsinhalten handelt. Vielmehr hängt die Zulassung zu einem Vortrag hauptsächlich davon ab, ob die relativ hohe Teilnahmegebühr für die Konferenz entrichtet wurde.

Wissenschaftlicher Widerstand

Diese Entwicklung hält bis heute an.  Es erscheinen immer mehr fehlerhafte, wissenschaftlich minderwertige Artikel; die darin beschriebenen Experimente und Ergebnisse sind teilweise mehr als fraglich. Dabei wirken die Raubverlage bzw. –journale auf den ersten Blick meist seriös. Alle versichern, dass ein „Peer Review“ durchgeführt wird. Auch für seriöse Forscher ist es oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, ob es sich bei einem Artikel um eine fundierte wissenschaftliche Arbeit oder um einen wissenschaftlichen Betrug handelt. Für einen medizinischen bzw. wissenschaftlichen Laien ist es dementsprechend natürlich noch schwerer bis unmöglich.

Jedoch regt sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auch Widerstand gegen diese negative Entwicklung. So veröffentlichen manche Institute und Universitäten Listen mit bekannten Raubverlagen und Raubkonferenzen (siehe „Weiterführende Links“). Wissenschafter schreiben offene Briefe an Verlage, wenn sie Artikel mit fraglichem Inhalt entdecken. Dies kann sogar so weit führen, dass Artikel „zurückgezogen“ werden müssen, womit der ganze Inhalt der betreffenden Arbeit als ungültig erklärt wird.

Fazit

Die in den letzten Jahren entstandenen „Raubverlage“ stellen einerseits ein großes Problem für die wissenschaftliche Welt dar, da sie das Vertrauen in die Qualität von publizierten Ergebnissen erschüttern. Andererseits ergeben sich aus der Möglichkeit, fast alles unter einem „wissenschaftlichen Deckmantel“ zu veröffentlichen, auch Probleme direkt für den Verbraucher: Das Vorhandensein von wissenschaftlichen Publikationen zu einem bestimmten Produkt oder Thema sind kein verlässliches Qualitätsmerkmal mehr. Wie kann man als Laie erkennen, ob es sich bei der wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit oder Sicherheit eines bestimmten Produktes um glaubwürdige Angaben oder um Betrug handelt? Es ist also Vorsicht geboten, denn das Anführen wissenschaftlicher Publikationen besitzt neben dem ursprünglichen Informationscharakter heute vor allem auch großen „Werbewert“.

Weiterführende Links:

Der mittlerweile pensionierte Bibliothekar der University of Colorado Denver, Jeffrey Beall, veröffentlichte 2010 erstmals eine Liste mit vermutlichen Raubverlagen. Diese Liste wird regelmäßig aktualisiert und kann hier abgerufen werden.

Auf der Bibliothekshomepage des renommierten California Institute of Technology (CalTech) werden eine Liste mit Raubkonferenzen sowie eine Liste von Raubverlagen geführt. Beides ist hier abrufbar (Englisch).

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